Her mit dem Napf!

21. Mai 2014, geschrieben von Holger Schüler

Es kommt ganz oft vor, dass Hundehalter das Endergebnis guter Erziehung mit der Erziehung selbst verwechseln. Was das heisst, möchte ich an einem Beispiel erklären.
Es wird ganz allgemein als Merkmal guter Erziehung angesehen, dass der Hund sich sein Futter ohne Proteste wegnehmen lassen soll. Ob es ein Kauspielzeug ist, ein besonderes leckeres „Fundstück“ oder gar sein Futternapf.
Natürlich erwarte ich auch von meinen Hunden, dass sie sich problemlos etwas wegnehmen lassen und mich nicht anknurren, wenn ich aus irgendeinem Grund an ihren Napf muss. Dass ich das von meinen Hunden erwarten kann, ist aber überhaupt nicht selbstverständlich, sondern das Ergebnis gründlicher Erziehungsarbeit und vor allem dem sorgfältigen Aufbau von Vertrauen.
Nun gehen aber manche Hundebesitzer ganz anders an die Sache heran. Und zwar genau falsch herum: Der Hund soll sein Futter nicht verteidigen? Also nehme ich es ihm solange weg, bis er einsieht, dass ich der Stärkere bin! Und wenn er knurrt – Pech gehabt, dann kriegt er den Napf auch nicht mehr wieder!
Dahinter steckt die Vorstellung, dass ein Hund dem „Ranghöheren“ gefälligst sein Futter zu überlassen hat – und um zu zeigen, dass man „ranghöher“ ist, nimmt man das Futter weg.
Dem Hund zeigen Sie dadurch aber nur eins: Dass Sie sein Futter wollen. Sein Futter, dass Sie ihm  gerade selbst gegeben haben. Wie unsinnig aus Sicht des Hundes! Je nach Hund – alt oder jung, Ex-Strassenhund oder Couchpotato, selbstbewusst oder schüchtern – wird die Reaktion unterschiedlich ausfallen. Der Hund wird sich angewöhnen, mit Futter schnell das Weite zu suchen, es vor Ihnen zu verstecken, so schnell wie möglich zu fressen oder aber, es vor Ihnen zu verteidigen. Das fängt mit einem warnenden Knurren an und kann sich schnell zum Beissen steigern. In jedem Fall sind Sie nun für den Hund ein Konkurrent um seine leckeren Sachen. Auf die Idee, dass Sie der Ranghöhere sind, dem er vertrauen soll, kommt der Hund so aber bestimmt nicht!
Kein Wunder, wenn man sich überlegt, wie das Sozialverhalten in einem Rudel aussieht. Ein Rudel ist ein Familienverband, die Elterntiere führen, sie streiten sich nicht mit dem Nachwuchs ums Futter. Die alte Mär, dass der stärkste Wolf das meiste Futter bekommt und zuerst frisst, ist längst widerlegt – die Elterntiere füttern die Jungen zuerst und hungern sogar, um den Nachwuchs durchzubringen.

Wenn Sie also das sinnvolle Erziehungsziel erreichen wollen, Ihrem Hund jederzeit Futter abnehmen zu können, dann zeigen Sie ihm zuerst, dass Sie nicht mit ihm um Nahrung konkurrieren wollen. Im Gegenteil: Sie sind derjenige, von dem das Futter kommt. Das klappt sehr gut über Handfütterung, mit der Sie Nähe und Vertrauen aufbauen können. Der Hund lernt am einfachsten, etwas herzugeben, wenn Sie ihm ein Tauschgeschäft anbieten – und das, was Sie zu bieten haben, ist noch toller, noch leckerer, der Tausch muss sich lohnen.
Seine Mahlzeiten sollte der Hund ungestört einnehmen dürfen. Wenn Sie doch mal an den Napf müssen: Überfallen Sie den Hund nicht, sondern sprechen Sie ihn an. Lassen Sie den Hund aber gleich weiterfressen, am besten legen Sie noch eine Leckerei dazu. So lernt der Hund, Ihnen zu vertrauen.
Dieses Vertrauen sollten Sie nicht überstrapazieren. Erwarten Sie bitte nicht, dass Ihr Hund jeden an sein Futter  lässt! Fremde sowieso nicht, und auch Ihre Kinder haben am Napf nichts verloren.